Einführung in Textanalyse und Textinterpretation


Teil I: Interpretation literarischer Kurztexte dargestellt an Hand von Prüfungsaufgaben der zentralen Klassenarbeit und weiterer Texte


Die folgenden Ausführungen sind als Hilfestellung bei der Analyse und Interpretation literarischer Kurzprosa gedacht. Sie erheben keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit. Für Kommentare, Kritik und Verbesserungsvorschläge, wäre ich daher sehr dankbar, v.a. da Fortsetzungsbeiträge zu den Themen Gedichtinterpretation, Drameninterpretation und Sachtextanalyse/Rhetorik geplant sind.
Wo Texte mit Zeilenangaben versehen sind, bitte ich diese mit Vorsicht zu behandeln, da aus mir unerfindlichen Gründen der Zeilenumbruch beim Aufrufen der Seite nicht immer konstant ist. Bisher ist es mir leider noch nicht gelungen, diesen Fehler zu beheben.
Mein besonderer Dank gilt Herrn Dr. Michael Egerding für seine kritische Durchsicht und wertvollen Anregungen.

© Michael Breddin
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"Man weiß nie genug"

Übersicht
Stand 09/98

0 Vorbemerkung

I Wozu Interpretation
Die literarisch geschaffene Realität

II Interpretationstechnik
Wie gehe ich an einen Text heran?
Wonach suche ich?
Wie ordne ich dem Befund eine Funktion und eine Aussage zu?

Texte:
Franz Kafka: Heimkehr
Kurt Marti: Neapel sehen

III Interpretationsaufsatz
Gliederung
Welche (sprachlichen) Versatzstücke helfen mir bei der Interpretation

IV Textsammlung mit Leit- und Hilfsfragen
Hinweise für die Interpretation
Ergebnisse

Texte:
Franz Kafka: Kleine Fabel
Bertolt Brecht: Das Tanzfest oder Der Augenblick der ewigen Verdammung
Gabriele Wohnmann: Muränenfang
Marie Luise Kaschnitz: Das letzte Buch

V Terminologie der Interpretation
Wichtige Fachausdrücke


0 Vorbemerkung


Wir reagieren auf Impulse, d.h. wir nehmen sie auf, interpretieren sie und agieren entsprechend. So deuten wir Mimik, Gestik, Tonfall und Lautstärke. Wir reagieren auf Handlungsweisen, fragen nach ihren Motiven und ziehen unsere Schlußfolgerungen. Wir fühlen uns an bestimmten Orten wohl, an anderen nicht. Wir hören eine bestimmte Musikrichtung oder einen Komponisten, Sänger etc. gerne, andere sagen uns nichts oder wir lehnen sie gar ab. D.h. wir verarbeiten ständig visuelle und/oder akustische Impulse und reagieren darauf. Die Frage ist nur, was löst die jeweilige Reaktion aus? Welche Impulse werden verwendet, um eine bestimmte Reaktion hervorzurufen?

Dies ist der erste Komplex, mit dem wir es bei Interpretation zu tun haben. Es ist die Frage nach den sprachlichen Mitteln und deren Funktion.

Der zweite Komplex ist die mittels Sprache geschaffene Realität. Indem wir ein reales Geschehen erzählen, schaffen wir es neu. Wir gewichten es, wir verändern es und wir passen es unseren Wünschen und Bedürfnissen an und wir versuchen mit unserer Erzählung den Zuhörer in unsere Erzählung einzubinden, ihm unser Erlebnis relevant zu machen und ihn - letztendlich - zu beeinflussen. Wir können sogar soweit gehen, eine Wunschvorstellung in unserer ‘Mitteilung’ Wirklichkeit werden zu lassen. So präsentieren wir uns in einer Bewerbung/einem Bewerbungsgespräch so, daß wir für unser Gegenüber interessant, kompetent, ideal ... - und damit einstellungswürdig - sind. Wir schaffen mittels Sprache ein Bild von uns, das wir - unbewusst oder bewusst - den von uns angenommen Erwartungen des Kommunikationspartners anpassen, d.h. wir erschaffen uns neu. Und der Adressat wird sich nicht fragen, was wollte er erschaffen, sondern er fragt sich, was hat er erschaffen. So ist auch in der Interpretation nicht das wichtig, was ich meine, dass es der Autor intendierte - dann interpretiere ich mich, meine Erwartung, mein Verständnis seiner Person, Lebensumstände, Zeit... zunächst in ihn hinein und hole dies dann wieder aus dem Text heraus; was hingegen wichtig ist, ist das, was dasteht und was dieses für mich aussagt, welche Schlussfolgerungen, welche Realität sich daraus für mich ergibt. Der Autor kann dann bestenfalls dazu dienen, nach dem Warum zu fragen. So heißt die oberste Maxime: Es gilt das geschriebene Wort, nicht das, von dem wir annehmen, dass es gedacht oder eventuell intendiert wurde.

Jeder Text hat nur das Wort zur Verfügung. Zunächst sehen wir nichts, wir hören, fühlen nichts. Aber Wörter rufen bei uns bestimmte Assoziationen hervor, d.h, wir verbinden Wörter mit bestimmten Empfindungen, Erlebnissen, Erfahrungen ... Unter dem Wort schön in Bezug auf Menschen, versteht jeder etwas anderes. Der Begriff kalt bedeutet für einen Eskimo etwas anderes als für einen Zentralafrikaner. Die Bedeutung und Wirkung eines Wortes hängt aber nicht nur von unseren eigenen Erfahrungen ab, sondern auch von der Zeit, unserer Erziehung, dem Milieu, der Gruppe, die uns alle prägen. (vgl. Wort und Bedeutung).

Die Wirkung von Worten ist jedoch gleichzeitig gewaltig, da wir mit Worten Realität schaffen. Daher sind nicht nur die Analyse und Interpretation der Handlung, die Charakteristik der literarischen Personen und ihre Handlungsmotive wichtig, sondern auch die Untersuchung der Sprache, d.h. der verwendeten literarischen und sprachlichen Mittel.


I Wozu Interpretation
Die literarisch geschaffene Realität


Goldene Äpfel Yah, Allah, meine Brüder, kommt und hört, wißt und seht, was unser ist und ich Euch gebe. Seht Ihr in meinen leeren Händen goldene Äpfel, sehr Ihr sie? Achtet auf, ich werfe sie Euch zu: dir einen, dir dort ganz hinten einen, dir so verborgen im Winkel einen, und diesen noch und den letzten auch. Haltet sie derweil ich Euch berichte von vielem, das geschah, vielleicht geschah, vielleicht gehört ward, vielleicht nur gesehen - wer kann es sagen? Wer weiß es, was wirklich ist, wer, was nur Gedankenschatten? Wenn wir es alles sahen und hörten, werft sie mir zurück, die goldenen Äpfel, die ich Euch gab aus leeren Händen, und aus Euren Seelenaugen werde ich sie sehen, meine goldenen Äpfel. Fangen und halten. Habt Ihr vernommen, Freunde und Brüder?

Elsa Sophia von Kamphoevener

Kamphoevener beschreibt hier das Zusammenspiel von Erzähler und Zuhörer. Sie brauchen sich gegenseitig; der Erzähler wirft dem Zuhörer etwas zu, das dieser auffängt und wieder zurückwirft, nachdem er es tief in sich aufgenommen hat ("aus euren Seelenaugen werde ich sie sehen, meine goldenen Äpfel“), d.h. die Erzählung wirkt auf den Zuhörer ein und er behält sie anschließend bei sich. Die Geschichte selber ist zunächst wie auch die goldenen Äpfel unsichtbar, es ist auch nicht einmal wichtig, ob es „geschah, vielleicht geschah, vielleicht [nur] gehört“ wurde. Trotzdem sehen wir sie, wir nehmen sie wahr, fangen sie auf und halten, bewahren sie. Und so wie der Apfel ist die Erzählung: Rund und in sich geschlossen, sie kann herb oder süß sein, sie kann verführen und Erkenntnis geben (->Sündenfall), sie ist eine kleine Welt und wie der Apfel löscht sie den (Wissens-) Durst und stillt den Hunger nach einer anderen Welt, neuen Einsichten oder dient einfach nur der Entspannung, dem Vergnügen. Beim Hören (oder Lesen) sehen wir zugleich. Die Geschichte wird bei und durch die Rezeption Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit steht nicht außerhalb unserer Realität, sondern wird durch die Rezeption Bestandteil unserer jeweiligen Realität. Dadurch kann Literatur (wie auch Musik, Malerei, Bildhauerei, Architektur ...) die historische Realität, in der sie geschaffen wurde, überdauern. Kunst ist zeitlos und wird immer wieder neu erlebt und neu entschlüsselt. Wir lesen die Irrfahrten des Odysseus als Kind oder Jugendlicher anders als Erwachsener und beide Male haben wir sie ‘richtig’ gelesen, wir erleben sie nur anders, da sich unser Wissen, unser Ich, unsere Realität gewandelt hat. So ist auch jede Auseinandersetzung mit Literatur gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit uns selber und der Wirklichkeit, in der wir leben. Sie kann uns neue Dimensionen, neue Gedanken, neue Möglichkeiten eröffnen.


II Interpretationstechnik


Die wichtigsten Schritte vom ersten Lesen über die Analyse zur Interpretation:

Überschrift lesen, feststellen, was man nach der Überschrift erwartet

Text genau lesen, Textart, Problemstellung, Inhalt bestimmen

Übereinstimmung Überschrift - Inhalt =>Auswirkung auf Aussage

Text gliedern nach Handlungsaufbau, Personen-/Orts-/Zeitwechsel

Erzählperspektive, Sprachebene und Stil

Text noch einmal lesen, die Dinge (z.B. Schlüsselbegriffe, Schlüsselstellen) farbig markieren, die auffallen und für die Analyse und die Interpretation wichtig sein können, Randnotizen machen.

Aufsatzgliederung konzipieren

Konzept

Überprüfung am Text: Sind schlüssige Belege vorhanden? Wurden alle wichtigen Aspekte berücksichtigt?

Reinschrift


Beispiel I


Heimkehr

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zu Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, daß ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selber wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Franz Kafka

Bildimpuls


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(Bild: M. Breddin)

Stoffsammlung  

1. Die Überschrift deutet darauf hin, dass jemand nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kommt, wobei bei dem Begriff „Heimkehr“ alle Konnotationen des Wortes mitschwingen.
2. Es handelt sich hier um einen literarischen Kurztext - der wohl nicht ganz in die Kategorie Kurzgeschichte passt. Ein Sohn kehrt wieder zu dem elterlichen Hof zurück, geht über den Hof, bleibt dann aber vor der Küchentür stehen, hinter der offensichtlich seine Eltern sitzen, und wagt nicht anzuklopfen, da er sich entfremdet fühlt.
3. Die in der Überschrift angekündigte „Heimkehr“ vollzieht sich im Text nur andeutungsweise in Form einer Rückkehr (vgl. hierzu auch Z. 1: „Ich bin zurückgekehrt [...]“.
4. Gliederung
Ankunft und Überblick
Erwartung und Selbstzweifel
Reaktion des ‘Ich’ und die Folge.
Umkehrung, Heimkehr wird zur Fremdheit
5. Ich-Erzähler
6. Wichtige sprachliche und inhaltliche Elemente:
a) Häufige Verwendung der Personalpronomina „ich“ und „du“ (beim inneren Monolog) sowie des Possessivpronomens „mein“, das hier aber weniger Besitz als vielmehr einen Versuch der Bestimmung der Zugehörigkeit darstellt, die sich v.a. über den Vater vollzieht ( „meines Vaters“)..
b) Interrogativsätze, die auf das bevorstehende, erwartete Geschehen hinweisen, auf die dann aber nicht die - erlösende - Antwort folgt, sondern wiederum Beobachtungen folgen, die ihrerseits eigentlich den nächsten Schritt - eine Handlung - nach sich ziehen müssten. („Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür?“  -> Erwartung des folgenden Geschehens -> statt einer Antwort (Eltern, Vater, Mutter ...) folgen zunächst Beobachtungen wie: „Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zu Abendessen wird gekocht, beides Zeichen, die normalerweise ein sofortiges Eintreten vermuten ließen.
In diesem Zusammenhang wäre auch der letzte Satz in seiner Funktion als rhetorische Frage zu erläutern (vgl. h).
c) Häufig paralleler Satzbau, gekoppelt mit einer Verdopplung der Aussage -> Versuch, Sicherheit zu gewinnen, ‘alles hat seine Ordnung’.
d) Verwendung des Konjunktivs -> Unsicherheit des Ich-Erzählers.
e) Adjektive, Adverbien, die Haus und Hof beschreiben sollen, dabei aber immer wieder den Gemütszustand des Ich-Erzählers widerspiegeln -> 'unbrauchbar' (vgl. „Was kann ich ihnen nützen [...]“), -> 'zerrissen' (vgl. das zerrissene Tuch), -> "unsicher", fremd ( vgl. „Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück [...]“).
f) Wechsel von dynamischen Verben am Beginn zu statischen Verben: ‘zurückkehren’, ‘durchschreiten’ -> ‘stehen’, ‘sitzen’  als Gerundium verwendet.
g) Verben der sinnlichen Wahrnehmung: ‘blicken, ‘fühlen’, ‘hören’, das zusammen mit ‘horchen’ den 3. Abschnitt bestimmt. So folgt auf das Sehen nach der Ankunft die Frage nach dem Sich-Fühlen und da sich hier keine Gewissheit einstellen will folgt das (In sich Hinein)Hören als dritter - logischer - Schritt.
=> Die Wahrnehmungen und - unbewussten - Deutungen führen automatisch zum Bildbereich.
h) Bildbereich und Handlung lassen sich zukzessiv erarbeiten. Im Rückblick nach erfolgter Ankunft, stellt sich alles Wahrgenommene als Hindernis heraus: Pfütze in der Mitte, muss folglich umgangen werden, der Weg zur Bodentreppe ist verstellt, die Katze lauert, d. h. kein Anzeichen des Willkommen-Seins. Die zerrissene Fahne kann sowohl den heruntergekommenen Zustand des Hofes (s. auch altes, unbrauchbares Gerät) wie auch die eigene Zerrissenheit oder gar die doppelt erfolgte Trennung (Zerschneiden des Tischtuches) darstellen. Alle drei Deutungen lassen sich im Text weiter verfolgen (vgl. a), c). d), e)). Trotz all dieser negativen Elemente ist das Haus immer noch wohnlich: Rauch kommt aus dem Schornstein, es wird Kaffee zum Abendessen - die Zeit auf einem Hof, zu der alle zusammen kommen - gekocht. Doch das erwartete Eintreten bleibt aus. Es folgt das Gefühl des Ausgeschlossenseins, das auf dem Zweifel an der eigenen Nützlichkeit basiert. Dieses Ausgeschlossensein vollzieht sich bis zu einer Personifikation des Hauses („kalt steht Stück neben Stück“ und scheint mit „seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt“ zu sein). Das Gefühl ausgeschlossen zu sein, nicht dazu zu gehören, findet seinen Höhepunkt in dem Paradoxon: „Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich“. Das aus „der Ferne“ Horchen lässt sich nur mit einer gefühlsmäßigen Ferne erklären, da der Ich-Erzähler in der Erzählrealität ja vor der Küchentür steht. Der zweite Teil des Satzes („[...] herüber aus den Kindertagen“ zeigt, dass es sich hier offensichtlich um eine zeitliche Distanz handelt, vgl. hierzu auch die Frage nach der Nützlichkeit, als der Ich-Erzähler das Vater-Sohn Verhältnis betont. Entlarvend dann der letzte Satz: Nicht seine Eltern schließen ihn aus, haben ein Geheimnis vor ihm, sondern er ist es, der nicht eintritt, der sich nicht eröffnet: „Wäre ich dann nicht selber wie einer, der sein Geheimnis wahren will“. Hier zeigt sich deutlich, dass die „Heimkehr“ nur eine Ankunft im äußeren Sinne ist und der Ich-Erzähler eine richtige „Heimkehr“ nicht vollziehen kann.

 


BEISPIEL II


Neapel sehen





5




10




15




20


Er hatte eine Bretterwand gebaut. Die Bretterwand entfernte die Fabrik aus seinem häuslichen Blickkreis. Er haßte die Fabrik. Er haßte seine Arbeit in der Fabrik. Er haßte die Maschine, an der er arbeitete. Er haßte das Tempo der Maschine, das er selbst beschleunigte. Er haßte die Hetze nach Akkordprämien, durch welche er sich zu einigem Wohlstand, zu Haus und Gärtchen gebracht hatte. Er haßte seine Frau, so oft sie ihm sagte, heut nacht hast du wieder gezuckt. Er haßte sie, bis sie es nicht mehr erwähnte. Aber die Hände zuckten weiter im Schlaf, zuckten im schnellen Stakkato der Arbeit. Er haßte den Arzt, der ihm sagte, Sie müssen sich schonen, Akkord ist nichts mehr für Sie. Er haßte den Meister, der ihm sagte, ich gebe dir eine andere Arbeit, Akkord ist nichts mehr für dich. Er haßte so viele verlogene Rücksicht, er wollte kein Greis sein, er wollte keinen kleineren Zahltag, denn immer war das die Hinterseite von so viel Rücksicht, ein kleinerer Zahltag. Dann wurde er krank, nach vierzig Jahren Arbeit und Haß zum ersten Mal krank. Er lag im Bett und blickte zum Fenster hinaus. Er sah sein Gärtchen. Er sah den Abschluß des Gärtchens, die Bretterwand. Weiter sah er nicht. Die Fabrik sah er nicht, nur den Frühling im Gärtchen und eine Wand aus gebeizten Brettern. Bald kannst du wieder hinaus, sagte die Frau, es steht alles in Blust*. Er glaubte ihr nicht. Geduld, nur Geduld, sagte der Arzt, das kommt schon wieder. Er glaubte ihm nicht. Es ist ein Elend, sagte er nach drei Wochen zu seiner Frau, ich sehe immer das Gärtchen, sonst nichts, nur das Gärtchen, das ist mir zu langweilig, immer dasselbe Gärtchen, nehmt doch einmal zwei Bretter aus der verdammten Wand, damit ich was anderes sehe. Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Der Nachbar kam und löste zwei Bretter aus der Wand. Der Kranke sah durch die Lücke hindurch, sah einen Teil der Fabrik. Nach einer Woche beklagte er sich, ich sehe immer das gleiche Stück Fabrik, das lenkt mich zu wenig ab. Der Nachbar kam und legte die Bretterwand zu Hälfte nieder. Zärtlich ruhte der Blick des Kranken auf seiner Fabrik, verfolgte das Spiel des Rauches über dem Schlot, das Ein und Aus der Autos im Hof, das Ein des Menschenstromes am Morgen, das Aus am Abend. Nach vierzehn Tagen befahl er, die stehengebliebene Hälfte der Wand zu entfernen. Ich sehe unsere Büros nie und auch die Kantine nicht, beklagte er sich. Der Nachbar kam und tat, wie er wünschte. Als er die Büros sah, die Kantine und so das gesamte Fabrikareal, entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken. Er starb nach einigen Tagen.

Kurt Marti

*Blust - schweiz. Ausdruck für Blüte

Interpretationsbeispiel

In dem vorliegenden Text "Neapel sehen" von Kurt Marti wird in äußerst komprimierter Form von einem Mann erzählt, der nach 40 Jahren Akkordarbeit plötzlich erkrankt und dann - zunächst ohne ersichtlichen Grund - stirbt.
Der Text ist fast durchgehend in einer einfachen, schmucklosen Sprache geschrieben. Er verzichtet auf hypotaktische Sätze, Fremdwörter oder Fachbegriffe. Damit steht der Text zunächst einmal jedermann offen. Gleichzeitig wird durch die Sprache deutlich, daß der Erzähler mit den Worten seiner Hauptfigur - eines älteren Akkordarbeiters - dessen 'Geschichte' erzählt. Dies kann mit dazu dienen, daß der Leser sich leichter in die Hauptfigur hineindenken kann, wobei es aber aufgrund des schmucklosen "er" an keiner Stelle zu einer Identifikation mit ihr kommt.
Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass der Text kaum schmückende oder beschreibende Adjektive oder Adverbien aufweist, was den Text sehr nüchtern erscheinen lässt. Hier spiegelt sich - auch ersichtlich in der einfachen Wortwahl - bereits in der Sprache die nüchterne Arbeitswelt des Mannes wider, die sich dann auch in seiner privaten Welt niederschlägt - auch Haus und "Gärtchen", Ehefrau und Nachbar werden nicht näher beschrieben oder gar charakterisiert. Gleichzeitig wird dadurch - wie auch durch die konstante Vermeidung der Einführung einer namentlich genannten Person, die Rede ist immer nur von "er", "seine Frau", bzw. "die Frau", "der Meister" etc. - der Geschichte eine Art Allgemeingültigkeit gegeben; sie scheint nicht individuell, kein Einzelfall zu sein. Vielleicht will Marti hiermit aber auch zeigen, daß es in der von ihm geschilderten Welt keine Individuen gibt.
Bis Z. 9ff sind mit Ausnahme der beiden Einleitungssätze und des Satzes "Aber die Hände [...]" (Z. 6f) alle Sätze gleich gebaut. Alle beginnen sie mit den Worten "Er haßte" und alle sind sie recht kurz und dort, wo Nebensätze vorhanden sind, parataktisch gebaut. Dieser gleichförmige, eintönige Satzbau spiegelt ebenfalls die Arbeitswelt und hier vor allem die Tätigkeit der Hauptfigur wider, die ähnlich eintönig, ständig gleich ist (vgl. Akkordarbeit, Z. 6., Zucken der Hände und "Stakkato der Arbeit", Z. 7).Gleichzeitig wird durch dieses ständig am Satzanfang wiederkehrende "Er haßte" deutlich, dass in seinem Leben offensichtlich keine anderen Gefühle Platz haben und dieser Hass alles umfasst (s.a. die innere Gliederung von Z. 2 - 9, in der die Arbeitswelt, "Fabrik", "Arbeit", "Maschine", "Tempo der Maschine", "Meister" und sein privater Bereich, vertreten durch seine Frau, aufgeführt werden).
Auffallend ist auch der Gebrauch des bestimmten Artikels und des Possessivpronomens, v.a. deswegen, da im zweiten Teil (ab Z. 20) eine Umkehrung erfolgt. Im ersten Teil heißt es "die Fabrik" (Z. 1ff), "die Maschine" (Z. 3) usw. sowie "seine Frau" (Z. 5). Hier wird deutlich, dass er zu seiner Arbeitswelt eine recht unpersönliche Beziehung hat. Seine Frau hingegen wird - trotz des Hasses - immer noch mit dem Possessivpronomen versehen. Im zweiten Teil erfolgt hier eine Umkehrung: seine Frau wird mit dem bestimmten Artikel verbunden ("[...] sagte die Frau [...], Z. 15 und "Die Frau erschrak", Z. 19f), während der Arbeitswelt nun das Possessivpronomen beigefügt wird ("Zärtlich ruhte der Blick des Kranken auf seiner Fabrik", Z. 23f und "unsere Büros", Z. 26). Damit scheinen sich die Beziehungen der Hauptfigur zur Arbeits- bzw. privaten Welt in ihr Gegenteil zu verkehren.
Insgesamt lässt sich eine Änderung der sprachlichen Gestaltung in dem Moment feststellen, als er wieder einen Teil seiner Fabrik sehen kann. Hier wird die Sprache durch die Bilder "Spiel des Rauches über dem Schlot" (Z. 24) und das "Ein des Menschenstromes" (Z. 25) fast poetisch. An dieser Stelle taucht auch zum einzigen Mal ein positives evaluatives Adverb - "zärtlich" (Z. 23) - auf, das zu dem wiederholt verwendeten Verb 'hassen' in völligem Gegensatz steht, zumal es sich auf dasselbe bezieht. Gleichzeitig könnte dieser sprachliche Umschwung, der ja eine inhaltliche Veränderung, ja Umkehrung ausdrückt, den Leser veranlassen, selber nach dem 'Warum' zu fragen, das im Text nicht direkt ausgeführt wird. Verstärkt wird dieser Umschwung noch durch den Satzbau. Statt der kurzen, parallel gebauten Sätze des ersten Teils findet sich hier ein langer Satz (Z. 23-25), der das Lesetempo deutlich herabsetzt. Ein ähnlich langer Satz findet sich bereits in der Mitte des Textes (Z. 14-19). Beide Sätze markieren - wie bereits angedeutet - gleichzeitig einen inhaltlichen Wendepunkt im Leben der Hauptfigur und seiner Einstellung zu seiner Arbeit und Arbeitswelt, der Fabrik, - Rücknahme der Ausgrenzung der Arbeit durch schrittweises Entfernen der Bretterwand bis hin zum Umschwung von Hass zu 'zärtlichen' Gefühlen gegenüber "seiner Fabrik".


III Interpretationsaufsatz


Die Schwerpunkte eines Interpretationsaufsatzes hängen vom jeweiligen Text ab. Die Frage ist jeweils, inwieweit sind Zeit und/oder Ort der Handlung für die Aussage wichtig, muss näher auf die Personen (Typologie/Charakteristik) eingegangen werden, was ergibt die Analyse der Handlung, der Lexik, der literarischen und sprachlichen Mittel?

Wichtig ist
die Verzahnung von Inhalt und Sprache
das Anführen von Belegen
die Frage nach der Funktion und der Wirkung

Gliederung

Ein für die Interpretation eines literarischen Textes allgemein gültiges Schema kann - leider - nicht gegeben werden. Dies würde voraussetzen, dass die Autoren alle ähnlich vorgehen, dass also Ort, Zeit, Figurenkonstellation, Erzähltechnik und sprachliche Mittel ... immer ähnlich gewichtet und verwendet werden. Darüber hinaus müsste auch die Aufgabenstellung zu den jeweiligen Texten immer gleich aussehen.
So kann das Folgende lediglich als Gerüst gesehen werden, das je nach Text und Aufgabenstellung neu zusammengebaut werden muss.

A Einleitung
Textart, Titel, Autor, Thema

B Hauptteil

Gliederung* Geschehen, Ort-/Zeit-/Personenwechsel
Erzählperspektive Schlussfolgerungen
Sprachebene/Stil Zusammenhang mit der Problemstellung, dem Geschehen, den Personen, dem Adressaten
Ort und Zeit sprachliche Gestaltung inhaltliche Funktion
Personen und ihre Konstellation sprachliche Gestaltung Handlungsmotivation inhaltliche Funktion
Geschehen sprachliche Gestaltung innere/äußere Handlung inhaltliche Funktion

* falls in der Aufgabenstellung als eigenständiger Teil verlangt, ansonsten wird die Gliederung zusammen mit dem Handlungsablauf untersucht

C Schluss

Wertende Zusammenfassung der Ergebnisse (Inhalt, Geschehen, Personen, Sprache) Aussagerelevanz

 Mögliche Versatzstücke für den Aufsatz

(Die folgenden Versatzstücke sind lediglich Anregungen, um die eigene Analyse und Interpretation in Aufsatzform zu bringen.)

FÜR DIE EINLEITUNG:

· Die Kurzgeschichte/Anekdote/Fabel... Titel von Autor handelt von Thema.
· In seiner Kurzgeschichte/Anekdote/Fabel ... Titel beschäftigt sich Autor mit dem Thema/Problem ...
· Die Kurzgeschichte/Anekdote/Fabel... Titel von Autor scheint auf den ersten Blick von Thema/Problem zu handeln. Bei genauerem Lesen zeigt sich aber, dass sich hinter der Oberflächenhandlung eine zweite, allgemeinere/tiefergehende Problematik/Themenstellung ... verbirgt.

FÜR DEN HAUPTTEIL

Gliederung:
Der Text lässt sich in Anzahl Abschnitte gliedern. Der 1. Abschnitt (Z. 1 -x) handelt von Inhalt. Darauf folgt (Z. x - y) Inhalt. Im Schluss des Textes (Z. y - z) geht es um/wird geschildert/erzählt Inhalt.

Erählperspektive:
Die Geschichte wird aus der Perspektive des Typ des Erzählers berichtet (Beleg). Daraus ergibt sich/D.h., dass das ganze Geschehen subjektiv [Ich-/Er-Erzähler]/gleichsam objektiv [auktorialer Erzähler] geschildert wird.

Sprachebene/Stil allgemein + erster Bezug zum Leser:
Die Handlung erscheint auf den ersten Blick einfach/kompliziert, was auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Der Text ist in Hochsprache/Umgangssprache/Slang mit einfachen parataktischen/komplizierten hypotaktischen Sätzen erzählt. Damit steht der Text jedermann offen/setzt konzentriertes Lesen voraus/erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem Text.

Titel und Lesererwartung:
· Der Titel „..." lässt zunächst ... erwarten. Diese Lesererwartung wird im Verlauf der Geschichte bestätigt/erhält aber im Laufe der Handlung eine andere Richtung. Dies zeigt sich deutlich ... (Z. x).
· Während der Titel „..." zunächst  eine Geschichte über ... vermuten lässt, wird bereits Stelle die Lesererwartung nicht erfüllt. Statt ... ,wird der Leser mit ... konfrontiert.
· Mit dem Titel erweckt der Erzähler beim Leser die Erwartung, dass ... Diese Erwartung wird jedoch nur teilweise erfüllt. Bereits Stelle/Spätestens ab Stelle wird für den Leser deutlich, dass ...

Inhalt:
· Die Handlung setzt abrupt/mit einer kurzen Einführung in die Situation/mit ... ein.
· Das Hauptmotiv, ...., zieht sich durch den ganzen Text (Z. x, Z. y, Z. zff).
· Am Ende bricht die Handlung abrupt ab und überlässt es dem Leser einen Schluss zu finden.
· Der offene Schluss aktiviert den Leser, der die Geschichte selber zu Ende denken muss.
· Parallel zu dieser Handlung verläuft ein zweiter Handlungsstrang: ...
· In diese Haupthandlung schiebt der Erzähler genau an der Stelle, an der ..., eine Nebenhandlung ein , ...

Sprachliche Untersuchung:
· Der Erzähler verwendet sehr viele Adjektive/Adverbien/dynamische/statische Verben/..., die den Text sehr anschaulich/dynamisch ... machen.
· Die evaluativen Adjektive (Beleg) zeigen auf der einen Seite, wie stark der Erzähler wertet, auf der andere Seite wird der Leser durch sie stark beeinflusst.
· Die vielen deskriptiven Adjektive und Adverbien (Beleg) machen das Geschehen und die handelnden Figuren sehr lebendig.
· Der Verzicht auf alle schmückenden und beschreibenden Adjektive und Adverbien lässt den Text (zunächst) sehr sachlich und nüchtern erscheinen.
· Die gehäuft auftretenden Verben der Gemütsbewegung (Z. x,y,z) zeigen, ....

FÜR DEN SCHLUSS:
· Die Gesamtaussage des Textes ... ist auch heute noch relevant
· Die Gefühle und Handlungsweisen der Hauptfigur können vom Leser gut nachvollzogen werden, da ...
· Der Text macht deutlich, dass ...

Sparsam umgehen sollte man mit Spekulationen/“Aussagen“ über die Intention des Autors nach dem Muster: Kafka wollte hier ... zeigen (vgl. Vorbemerkung) ! Wichtig ist, dass alle Aussagen über den Text am Text (Zitat, Zeilenverweis) belegt werden. Auf richtiges Zitieren achten! Jedem Befund muss die Analyse der Wirkung/Funktion folgen.


IV WEITERE TEXTBEISPIELE MIT HINWEISEN ZUR INTERPRETATION


Text 1:

Kleine Fabel

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka

Mögliche Leitfragen zur Erschließung des Textes:

Warum die Angst, als die Welt „so breit“ war und das Glücksgefühl, als „endlich rechts und links in der Ferne Mauern“ auftauchten?
Was symbolisieren die ‘Breite’ und die „Mauern“?
Bewegen sich die Mauern wirklich, wie es der Maus scheint?
Wann kommt der Umschwung vom ‘Laufen’ der Maus und dem ‘Eilen’ der Mauern? Wie kann es zu diesem Umschwung kommen?
Woher kommt die Katze, wann taucht sie (evtl. bereits vorher außerhalb der Wahrnehmung der Maus) auf?
Wer ist die Maus? Wer die Katze?
Gibt es einen Ausweg, wenn ja: Wann und worin besteht er?

Versuch der Darstellung der ‘kleinen Fabel’ als Skizze

 ANGST                                   GLÜCKLICH                      ABER

                          Mauern
                          zunächst positiv                                                    werden zu
                                                                                                      Gebäude

Maus letztes Zimmer

Ausgangs-                                                                      KATZE               Endpunkt
punkt                                                                                                         Falle

                          Mauern
                                       verselbständigen sich

TOTALE           ORIENTIERUNG                           EINENGUNG           TÖDLICHE FALLE/
FREIHEIT        SCHUTZ                                         BEDROHUNG          KEINE UMKEHR

 

Text 2:

Das Tanzfest
oder
Der Augenblick der ewigen Verdammung  

Ich sehe viele Menschen in einem niedern Saal, der braun getäfelt ist. Sie sind groß, und starkknochig und sie tanzen in steifen Haltungen, denn ihre Gewänder sind von schwerem Brokat mit viel Gold, das in Blättchen aufliegt. Sie biegen sich in den allzu schmalen Hüften beim Tanzen wie Seerosen ab, und ihre Arme klammern sich lasziv* um ihre Hälse. Sie sehen alle geradeaus mit ernstem Ausdruck, ihre Gesichter sind auch sehr mager, mit dunklen traurigen Augen. Sie sagen sicher nichts, sondern haben sich ihren Gliedern ausgeliefert, und die tanzen. Handbreit über ihnen ist trübes Gewölk; sie könnten es jederzeit langen. Dicht über diesem Gewölk sitzt Gottvater, umgeben von seinen mächtigen Engeln. Diese stehen völlig bewegungslos um ihn, in solcher Masse, daß sie den ganzen oberen Raum in ganzer Tiefe und Breite ausfüllen. Sie stehen zur Schlacht bereit, sie tragen große Schwerter in Händen. Wenn man sieben Schritte nach links und zwei Schritte vorwärts geht, kann man finden, daß Gott traurig und hart aussieht. Gleichfalls geht von den Engeln etwas Schreckliches aus. Es ist der Augenblick, wo Gott die Sünder unten zur ewigen Verdammnis verurteilt hat. Der Himmel hält seinen Atem an, und die Engel erzittern vor unendlichem Mitleid. Jene unten aber schwingen sich steif und rhythmisch und unwissend in ihren Kreisen und strecken nicht die nackte Hand aus zur Bitte und Ihn zu halten, der schon sich entfernt, oder zum Einspruch, der jetzt nicht mehr gehört wird.

Bertolt Brecht
Ich-Erzähler -> Seher in der Antike
Beschreibung der Menschen
Gegensatz: tanzen - steife Haltung
Prunk, alle gleich; Gegensatz: schweres Brokat -Blättchen
Gegensatz/Unstimmigkeit: starkknochig - allzu schmale Hüften; schweres Brokat - Seerosen
ernst
Motiv traurig (s.u.)
Kommunikationslosigkeit (s.Schluss)
Trennung Körper - Wille/(Seele?) ausgeliefert
Fehlender Artikel -> Nähe wird unterstrichen
Änderung Blickwinkel  Gott als Vater
Gegensatz: Bewegung unten - oben
doppeltes 'ganz' -> Emphase
Schlacht gegen wen?
Genauigkeit der Beobachtung

warum traurig, hart, Whg. Motiv traurig
-> 'Gleichfalls etwas Schreckliches' ?
Verbindung unten - oben
Motiv: Verdammnis (Erlösung?) Tempus: Urteil bereits gefällt (wann?)
Umschwung: Mitleid
Änderung Blickwinkel
-> Polysyndeton
Motiv Unwissenheit
Nähe - Distanz
verpasste Möglichkeiten => Endgültigkeit

 

* lasziv - schlüpfrig,zweideutigm, unanständig

Mögliche Gesichtspunkte für eine Analyse:

1. Aufbau:
Unten - darüber - oben - unten (Erde - Wolken - Himmel - Erde)
Welt der Menschen <=>Welt Gottes. Zeitlicher Ablauf
2. Erzählhaltung:
Ich-Erzähler mit neutralem Standpunkt aber sprachlicher Wertung, Motiv des "Sehers" => Seher in der Antike
3. Sprache:
Sprachebene, Wortwahl Adjektive, dynamische/statische Verben Satzbau
4. Inhaltliche Interpretation:
Jüngstes Gericht, das plötzlich hereinbricht. Welt des Menschen (niederer Saal, Prunk, sinnentleerte Handlungen, Kommunikationslosigkeit, Unwissenheit, der verpasste Augenblick, die vertane Chance, Attribute, Vergleich) Welt Gottes (Gottvater -> Gott, Engel; Attribute). Reaktion auf Urteil: Erde <=> Himmel

Text 3:

Muränenfang  





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- Was willst du machen da unten? fragte das Kind?
- Ihnen auflauern, sagte der Mann, sie werden sich vorwagen bei der nächsten Welle.
Er sprang mit den klatschenden Füßen vom nassen Fels auf einen tiefergelegenen, beugte den rotbraunen Oberkörper, die Sehnen des rechten Arms waren angespannt, lauernd.
- So einer hat mehr Zähne im Mund als du und deine Großmutter zusammen, sagte er. Sogar die Großen zerren sie in ihre Höhlen.
Was machen sie mit den Großen? fragte das Kind und sah schaudernd in die schwarze feuchte Schlucht, die kalte, sonnenlose.
Der Mann antwortete nicht, mit dichter, gesammelter Aufmerksamkeit starrte er in den düsteren Eingang unter ihm, leise vibrierend in den geschmeidigen Muskeln. Das Kind roch die fischige Gier, die aus der Höhle drang und die das synkopische Schwappen des Wassers zwischen den Felswänden grünlich färbte; roch das Salz und die Sonne, die seine Lungen mit einem Übermaß an Luft und Helligkeit füllten; roch die kalte fettige Haut der Seelöwen, ihren glitschigen Trandunst.
- Da, da, siehst du sie? rief der Mann mit einer leisen harten Stimme, die schwankte vor mordlüsterner Erregung.
Das Kind beugte sich vor, kalt griff der nasse Stein um seine Brust: es sah sie, schwarz und glatt und biegsam unter dem durchsichtigen Wasser.
- Wie große Aale, sagte es im gedämpften Ton des Mannes. Es ist kalt.
Es fühlte sich nicht glücklich in dem rohen, blutrünstigen Dunstkreis der Muränen.
- Geh hinauf, sagte der Mann, wart oben, bis ich sie habe.
Das Kind warf, bevor es eine Klippe erkletterte, von der aus es den Mann nicht mehr sehen konnte, noch einen Blick auf den rotbraunen gespannten Rücken, der hart, aus der Entfernung unbewegt, pfeilkurvig gebeugt lauerte, auf die runde, blaue Mütze. Oben war Sonne an einem blauen Himmel, gemildertes Lärmen, in dem die Brandung, das Kreischen der Möwen und das klanglose Gebell der Seelöwen nicht mehr polyphon und verwirrend, sondern wie ein farbiges, grelldumpfes Unisono an seine Ohren drangen. Der Stein war heiß, selten berührte ihn eine der brüllenden, schaumsprühenden Wellen.
- Hejj! rief das Kind in die Tiefe; es wollte sehn, wie seine Stimme sich gegen das Toben wehrte.
Aber seinen Ruf packte eine hochpeitschende Welle, zerschlug ihn beim Wurf in die Schlucht.
Das Kind wählte einen Stein; saß reglos, in stumpfer Andacht auf seinem Posten, starrend. Beobachtete den steifen Ernst der unbewegten Pinguine, die stumm, pedantisch und prüde, gleich gehauenen Standbildern, zwischen dem sprudelnden Tosen aushielten. Sah den zierlichen Guanovögeln zu, sah sie in Schwärmen beieinander in den Nischen hocken, die gelben Halbmonde auf den Wangen; sah sie jäh und übergangslos aufflattern und sich, die roten scharfen Schnäbel dolchartig gesenkt, auf die schwappenden und schäumenden Kämme stürzen. Feindseliges Geschrei von Pelikanen; deren boshaftes, gefräßiges Gelächter schreckte es auf. Es hob den Kopf, blickte aus den zusammengepreßten Augen in den blendenden Himmel: akkurat zogen sie da ihre Kreise, dunkel und schwer vor der flimmernden Luft, bedrohlich sanken die unerbittlichen Spiralen, tiefer, tiefer, tödlicher; stießen dann, hungrige mörderische Blitze, unvermittelt herab und packten die Beute; hoben sie; verschlangen sie aufsteigend, spiralig, schwingend. Das Kind hörte das schwere staubige Schlagen der Flügel, das Flattern der Federn.
- Heij! rief es hinunter in die Schlucht. Bist du fertig, heij! Seine Stimme zitterte klein, menschlich, durch den heulenden Hohn; durchdrang ihn nicht; starb im Möwengelächter.
- Heij! rief es wieder.
Ein Windstoß nahm ihm den Atem weg und drückte ihn, zurückkehrend, in den offenen Mund, so daß es sich verschluckte, Wind und Atem keuchend aus den bebenden Rippen hustete. Es stand auf; es hatte keine Tränen in den angstgeweiteten Augen.
Unten in der Gruft war es kalt, naß, salzig. Der rotbraune Rücken war nicht mehr da, nicht mehr seine biegsame Konzentration. Vor der schwarzen Höhle trieb die blaue Mütze feucht und filzig. Das Kind sah in der steinernen Nische das geflickte Netz mit den sterbenden Muränen liegen; sah die häßlichen Rachen mit den dornigen Zähnen; roch die salzige nasse Gier; roch das fettige Phlegma der Seelöwen draußen auf den Klippen, auf denen die Sonnenflecken schillernd tanzten. In der Gruft, unter dem grünlichen Geschwappe, sah es das aalglatte Geschlängel, das Knochenlose, der Muränen. Sah und roch und hörte sein Ausgeschlossensein. Seine kalte Hand griff ins Geröll, packte zwischen zwei Fingern einen runden Stein und schleuderte ihn auf die träg bewegte Mütze; nahm mehr Steine und warf sie alle, wütend, zitternd, auf das Stück gedunsenen blauen Stoffs.
- Heij! rief es.

 Gabriele Wohmann (* 1932)

Bildimpuls

tigermuraene.jpg (46723 Byte)

(Tigermuräne. Bild: M.Schlipphak)

- Analysieren Sie bitte kurz den Aufbau des Textes.
- Wie versucht die Autorin sprachlich das Geschehen und die Gefühle und Reaktionen des Kindes zu gestalten.
- Dieser Text wurde in eine Sammlung mit dem Thema "Verwundbare Kindheit" aufgenommen. Halten Sie den Sammeltitel für diese Geschichte gerechtfertigt?

Mögliche Gesichtspunkte für eine Analyse:

Ausgangssituation: Erste Beschreibung des Mannes: Sehnen angespannt, lauernd (Synekdoche), Charakterisierung der Moränen, Frage des Kindes und Beschreibung der Schlucht (-> Adjektive). Da Frage nicht beantwortet, Phantasie des Kindes freigesetzt. Ansprechen aller Sinne (riechen, sehen, hören, fühlen [das Kind ‘riecht’ den glitschigen Trandunst -> Synästhesie).
Beginn des eigentlichen Geschehens: Zweite Beschreibung des Mannes: mordlüsterne Erregung, Reaktion des Kindes (Gefühl des Unwohlseins -> roh, blutrünstig (Z. 20)[vgl. mordlüstern (Z.16)]).
Sicht der Natur: blauer Himmel, gemildertes Lärmen, scheinbare Sicherheit: „selten berührte ihn [den Stein] eine der brüllenden [...] Wellen" -> kindlicher Kampf gegen die Natur (Z. 27f) + ‘vernichtender Sieg’ der Natur (Z. 31f)
Beobachtungen des Kindes: Umschwung in der Beschreibung ab Z. 37 -> Adjektive, Personifikation, Bilder -> Auswirkungen auf das Kind Z. 46 („klein") und subjektiv gesehene Reaktion der Natur („Hohn", Z. 47).
Schluss: Wiederaufnahme des Motivs des intensiven Fühlens (Z. 54-59: sehen, riechen, hören, fühlen [„hörte sein Ausgeschlossensein"]))
Reaktion: Werfen der Steine

vgl. hierzu auch Hemingway: Indian Camp als eine typische „story of initiation"

Text 4

Das letzte Buch

Das Kind kam heute spät aus der Schule heim. Wir waren im Museum, sagte es. Wir haben das letzte Buch gesehen. Unwillkürlich blickte ich auf die lange Wand unseres Wohnzimmers, die früher einmal mehrere Regale voller Bücher verdeckt haben, die aber jetzt leer ist und weiß getüncht, damit das neue plastische Fernsehen darauf erscheinen kann. Ja und, sagte ich erschrocken, was war das für ein Buch? Eben ein Buch, sagte das Kind. Es hat einen Deckel und einen Rücken und Seiten, die man umblättern kann. Und was war darin gedruckt, fragte ich. Das kann ich doch nicht wissen, sagte das Kind. Wir durften es nicht anfassen. Es liegt unter Glas. Schade, sagte ich. Aber das Kind war schon weggesprungen, um an den Knöpfen des Fernsehapparates zu drehen. Die große weiße Wand fing an sich zu bewegen, sie zeigte eine Herde Elefanten, die im Fluß eine Furt durchquerten. Der trübe Fluß schmatzte, die eingeborenen Treiber schrien. Das Kind hockte auf dem Teppich und sah die riesigen Tiere mit Entzücken an. Was kann da schon drinstehen, murmelte es, in so einem Buch.

Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)

Interpretieren Sie diesen Text.

Achten Sie dabei darauf, wie die Figuren in der Erzählung eine Welt ohne Bücher erleben und wie die Autorin dies sprachlich gestaltet.


Mögliche Gesichtspunkte für eine Analyse:

01 Reaktion des Ich-Erzählers auf den Bericht des Kindes: Rückerinnerung
a) Rückerinnerung
b) Erschrecken
c) Bedauern
d) Nachfrage nach weiteren Informationen
02 Bericht des Kindes und Reaktion auf Nachfrage
a) Sachlich, nüchtern
b) Unwillig ("Eben ein Buch"; "Das kann ich doch nicht wissen")
03 Das Buch für den Ich-Erzähler
a) s. Reaktionen 1a,b)
b) Neugierde, Interesse
c) Die Wohnzimmerwand früher - heute -> Tempuswechsel
04 Das Buch für das Kind
a) Definition nur über Äußerlichkeiten, keine nähere Beschreibung, Ausschmückung -> fehlende Adjektive
c) Wörtliche Rede am Ende: abwertendes "Was kann da schon drinstehen", rhetorische Frage mit der unausgesprochenen Antwort: Nichts
05 Im Gegensatz hierzu das Fernsehen
a) Fernsehen als etwas Lebendiges: "Die große weiße Wand fing an sich zu beleben, sie zeigte [...]" Durch das aktive 'Zeigen' wird auch die als tot und nüchtern beschriebene Wand lebendig.
b) exotische Welt (Elefanten, Dschungel, Furt)
c) Lebendigkeit und Anschaulichkeit durch Verben (durchqueren, schmatzen, schreien), Adjektive (trüb, eingeborene, riesig), fehlende Konjunktion
d) Reaktion des Kindes: "mit Entzücken" verstärkt durch Reaktion auf das Buch

V Terminologie der Interpretation


Analyse Legende: ( -> Beispiel,Funktion, => siehe weitere Begriffe)

(Alle Definitionen sind nur als Annäherung zu den einzelnen Termini zu sehen. Über jeden einzelnen Begriff müsste man eigentlich eine eigene Abhandlung schreiben.)

Ich-Erzähler In der Regel die Hauptperson, die das Geschehen aus ihrer Sicht erzählt. Alles, was sie über andere Personen wie auch über die eigene Handlungsmotivation erzählt, ist subjektiv, auch wenn es in der Geschichte als objektiv erscheint.
Auktorialer Erzähler Allwissender, gottgleicher Erzähler, der das ganze Geschehen kennt und überblickt. Er kennt Gedanken und Handlungsmotive aller Personen und arrangiert das Geschehen bewusst.
Er-Erzähler Das Geschehen wird aus der Sicht einer der beteiligten Personen (dies muss keine Hauptperson sein) geschildert. Wie bei Ich-Erzähler wird das Geschehen damit zwar als objektiv geschildert, aber subjektiv gesehen.
Erzählzeit Die Zeit, die man braucht, um die Geschichte zu erzählen, zu lesen.
Erzählte Zeit Der Zeitraum, den die Geschichte, einschließlich der Vorgeschichte,  umfaßt. Hinweise für die Analyse und Interpretation: Wo klaffen erzählte Zeit und Erzählzeit stark auseinander, wo sind sie identisch, wo ist die Erzählzeit kürzer, wo länger als die erzählte Zeit (Raffung und Dehnung)
Allegorie Verbildlichung eines abstrakten Begriffes, tritt oft als => Personifikation auf -> Jusititia mit Augenbinde, Waage und Schwert
Chiffre verkürztes => Symbol, das nur aus dem Gesamtzusammenhang erschlossen werden kann. -> Stadt = Hoffnungslosigkeit in der expressionistischen Lyrik
Hyperbel Übertreibung, entweder extrem vergrößernd oder verkleinernd -> Balken im Auge, blitzschnell
Metapher bildlicher Ausdruck, in dem Vergleich und Verglichenes gleichgesetzt werden -> Achill ist ein Löwe => Vergleich
Personifikation Darstellung von etwas Unpersönlichem unter dem Bild einer menschlichen Person -> Mutter Natur, der Glaube besiegt die Furcht => Allegorie
Symbol Zeichen oder Vorgang der auf etwas anderes verweist -> Fahne, Kreuz, Abendmahl
Synekdoche engerer Begriff statt des umfassenderen -> edel sei der Mensch = alle Menschen, Dach = Haus, Schiff = Segel, vgl. pars pro toto - ein Teil steht für das Ganze
Vergleich zwei Dinge werden in einem gemeinsamen Vergleichspunkt, dem tertium comparationis, verglichen -> Achill kämpfte wie ein Löwe, der Vergleichscharakter wird durch das wie deutlich hervorgehoben => Metapher
Anakoluth Folgewidrigkeit im grammatikalischen Satzbau, Satzkonstruktion wird nicht durchgehalten -> starke Emotion
Asyndeton Reihe gleichgeordneter Wörter, Satzteile oder Sätze ohne verbindende Konjunktion -> alles rennet, rettet, flüchtet => Parallelismus
Chiasmus Überkreuzstellung -> Die Kunst ist lang und kurz ist unser Leben -> häufig Hervorhebung des Gegensatzes
Hypotaxe (kunstvolles) Gefüge aus Hauptsatz und untergeordneten Nebensätzen -> die Hypotaxe unterstreicht die Gleichzeitigkeit mehrerer Aktionen, sie verlangsamt die Lesegeschwindigkeit und erhöht damit die Aufmerksamkeit => Parataxe => Anakoluth
Inversion Umstellung der regelmäßigen Wortstellung -> Groß ist der Wille, klein das Talent -> Hervorhebung/Betonung durch Frontstellung
Parataxe Nebeneinanderstellung gleichwertiger Hauptsätze bzw. beigeordneter Nebensätze => Hypotaxe
Parenthese Satzeinschub, meistens in Klammern oder zwischen Gedankenstrichen
Alliteration zwei oder mehr Wörter fangen mit demselben Laut an -> mit Mann und Maus => Anapher
Anapher Wiederholung des gleichen Wortes an Vers- oder Satzanfängen => Alliteration
Antiklimax abfallende Steigerung -> Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen => Klimax
Antonym Wort mit gegensätzlicher Bedeutung => Synonym
Elision Auslassen eines unbetonten Vokals, häufig in der Lyrik, um das metrische Schema einzuhalten
Euphemismus beschönigender Ausdruck -> verschlanken statt kürzen, antifaschistischer Schutzwall für die Mauer
Klimax Steigerung -> Bauern, Bürger und der Adel => Antiklimax
Montage Ineinanderveschieben sprachlicher Elemente aus verschiedenen Sprach-/Inhaltsebenen -> Bachmann, Reklame
Nominalstil häufige Verwendung substantivischer Konstruktionen, häufig als Beamten-, Gesetzessprache => Verbalstil
Onomatopoesie Lautmalerei, Wortschöpfung zum Zweck der Klangmalerei -> Gruselett von Ch. Morgenstern:
Der Flügelflagel gaustert / durchs Wiruwaruwolz, / die rote Fingur plaustert,/ und grausig gutzt der Golz.
Häufige Verwendung in der Lyrik des Expressionismus, bzw., im Comic
Oxymoron Verbindung scheinbar sich ausschließender Begriffe -> helldunkel, beredtes Schweigen, alter Knabe
Paradoxon scheinbar widersinnige Behauptung
Pleonasmus übertriebene, unnütze Anhäufung von Wörtern mit gleicher/ähnlicher Bedeutung => Tautologie
Polysyndeton Wiederholung desselben Wortes innerhalb desselben Satzes, auch in flektierten Formen -> homo homini lupus, und es wallet und siedet und zischet
Synästhesie Ansprechen von mehreren Sinnesorganen zugleich -> schreiendes Rot, helle und dunkle Töne
Tautologie derselbe Sachverhalt wird mit mehreren Wörtern mit gleicher/ähnlicher Bedeutung beschrieben -> er dreht und wendet sich => Pleonasmus
Verbalstil Verwendung vieler Verben (v.a. dynamische Aktionsverben)

 


Grammatische Termini


Wortarten

Verb
Vollverb dynamische Verben (Verben der Bewegung) -> gehen, rennen, ...
statische Verben (Verben der Ruhe) -> sitzen, liegen, ...
emotionale Verben (Verben der Gemütsbewegung -> weinen, freuen, ...
Verben der sinnlichen Wahrnehmung -> sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen
Hilfsverb temporales Hilfsverb
modales Hilfsverb
Partizip 1 als Adjektiv, Adverb gebrauchtes Verb -> schreiende Kinder
Partizip II als Adjektiv, Adverb, Substantiv gebrauchtes Verb -> gekonnte Umsetzung
Tempus Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I, Futur II
Modus Konjunktiv, Indikativ; Aktiv, Passiv
Nomen
Substantiv
Gerundium substantiviertes Verb -> das fröhliche Lachen
Kasus Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ
Numerus Singular, Plural
Genus Femininum, Maskulinum, Neutrum
Artikel
unbestimmter Artikel
bestimmter Artikel
Pronomen
Personalpronomen
Possessivpronomen
Demonstrativpronomen
Interrogativpronomen
Relativpronomen
Reflexivpronomen
Indefinitpronomen
Numerale
Kardinalzahl
Ordinalzahl
Adjektiv deskriptiv (beschreibend), evaluativ (wertend), Farbadjektiv
Steigerung: Positiv - Komparativ - Superlativ
Adverb vgl. auch Satzglieder (Adverbiale)
Präposition
Konjunktion, Subjunktion Beiordnung, Unterordnung von -> Nebensätzen
Negation
Satzteile
Subjekt
Subjektsatz Nebensatz übernimmt die Rolle des Hauptsatzes -> Dass du an mich gedacht hast, freut mich sehr.
Objekt
direktes Objekt/Akkusativ~
indirektes Objekt/Dativ~
Genitivobjekt
Präpositionalobjekt Objekt mit einer vorangehenden Präposition
Objektsatz Nebensatz übernimmt die Rolle eines Objekts -> Ich fühle, dass etwas Schreckliches geschehen wird.
Prädikatsnomen
Prädikative Ergänzung zum Subjekt Sizilien ist eine Insel. Sie ist schön.
Prädikative Ergänzung zum Objekt Sie nannte ihn einen Schuft. Der Gewinn machte ihn nicht unglücklich. vgl. The profit didn't make him unhappy. Le profit ne l'a pas rendu malheureux.
Adverbiale
temporal Zeit
lokal Ort
direktional Richtung
modal Art und Weise
instrumental Mittel
kausal Grund
konditional Bedingung
konzessiv Einräumung
konsekutiv Folge
final Zweck
Prädikativ Auf das Prädikat bezogener Teil des Subjekts, Objekts -> Als Rentner widmete er sich dem Schachspiel. Deinen Brief habe ich als ersten gelesen.
Attribut Beifügung, die fester Bestandteil des Begriffes ist -> Karl der Große
Apposition substantivische Beifügung -> Konrad Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, legte das Fundament für die deutsch französische Freundschaft.
Haupt- und Nebensätze
Hauptsatz
Aussagesatz Feststellung, Vermutung, Behauptung, Unterstellung, Zusage, Willenserklärung, Versprechen, Bitte, Wunsch
Imperativsatz Aufforderung, Befehl
Interrogativsatz Frage, rhetorische Frage
Nebensatz
Subjektsatz Nebensatz ersetzt das Subjekt des Hauptsatzes, s. Subjekt
Objektsatz Nebensatz ersetzt das Objekt des Satzes, s. Objekt
Adverbialsatz
temporal
lokal
direktional
kausal
konditional
konzessiv
konsekutiv
final
Relativsatz

 Wort und Bedeutung

Die Sprache ist grundsätzlich an Realität gebunden, d.h. es kann nichts beschrieben werden, das wir uns auf Grund unserer Realität und unserer Vorstellung von ihr nicht vorstellen können. Daraus folgt, daß wir auch nichts denken können, das nicht in irgendeiner Form existiert. (Alle SF-Filme und Erzählungen setzen Bekanntes zu Neuem zusammen, vgl. Außerirdische in Star Trek, Prinzessin, Laserschwert und Roboter mit menschlichen Eigenschaften in Star Wars.
Für die sprachliche Erfassung einer neuen 'Realität' haben wir verschiedene Möglichkeiten:
- Analogie - Wir verwenden etwas Ähnliches
- Opposition - Wir verwenden das Gegenteil
- Zusammensetzung - Wir bilden neue Wörter aus bekannten Silben, Wortstämmen
- Ummünzen - Wir belegen ein Wort mit einer neuen Bedeutung („Ausländer“, „konservativ“, „Elite“)
- Wortneuschöpfung - Wir verwenden Laut- und Buchstabenkombinationen, die entweder wesentliche Bestandteile bestehender Begriffe sind („nussig“, ein Problem „aussitzen), die wir eindeutschen (“vermarkten“) oder die wir mit Bestandteilen von Fremdwörtern bilden („Crunchies“ -> to crunch).
Neuschöpfungen beruhen auf bereits vorhandenem Sprachmaterial - entweder der eigenen Sprache oder Übernahme aus anderen Sprachen - oder ahmen klanglich (-> Onomatopoesie) das sprachlich zu erfassende Objekt oder den Vorgang nach. Vgl. den Spracherwerb beim Kleinkind. Damit ist Sprache neben Kommunikation eine Widerspiegelung unseres Verständnisses und unserer Auffassung der uns umgebenden Realität. Gleichzeitig schaffen wir mit unserer Sprache wiederum Realität.

Vergleiche zu dieser Thematik
G. Orwells Newspeek in "1984"
good - doublegood <-> ungood
ministry of peace - Kriegsministerium, ministry of truth - Propagandaministerium

häufig als Euphemismus bei offizieller Berichterstattung:
Befriedungsaktion = mit militärischen Mitteln besiegen
finaler Rettungsschuß = gezielt töten
Freisetzen von Arbeitskräften = entlassen
Wohlstandsmüll = Arbeitslose
Verschlanken des Bildungsetats = Kürzung der Mittel
to service a soft/hard target ("The planes were servicing their targets") = Menschen/Bauwerke mit Raketen töten/zerstören
to drop a bridge - eine Brücke zerstören
"We lobbed a few shelles in their direction" - lob - ein hoher, sanft gespielter Ball

Ein Wort                                                                          Paraphrase

Ein Wort ein Satz .: Aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Spähern schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich

Wort als zu dechiffrierendes Gebilde
Wort offenbart Leben = Realität, läßt Sinn erkennen
in diesem Moment wird die Zeit aufgehoben
und das Wort wird zum Zentrum des Universums

Das Wort wird ausgesprochen, geschrieben, gelesen, der Sinn wird erkannt und es verschwindet wieder, zurück bleibt der Mensch und seine Welt - ohne etwas gelernt, erfahren zu haben (?)

Gottfried Benn

Des Wortes Gewalt                                                         Paraphrase

Im Wort ruht Gewalt
Wie im Ei die Gestalt;
Wie das Brot im Korn,
Wie der Klang im Horn,
Wie das Erz im Stein,
Wie der Rausch im Wein,
Wie das Leben im Blut,
In der Wolke die Flut -
Wie der Tod im Gift
Und im Pfeil, der trifft -

Mensch! Gib du acht, eh du es sprichst, Daß du am Worte nicht zerbrichst

Macht des Wortes
Das Wort läßt etwas Gestalt annehmen
Es ist wesentlich für jede Aussage
Es macht die Aussage hör-, lesbar
Es hat Bestand
Wir „berauschen“ uns an ihm
Es ist wesentlicher Bestandteil von uns
Es kommt und geht, es verdunkelt, spendet Leben
Es kann tödlich sein
Es trifft uns, sobald es ausgesprochen ist

Es fällt auf uns zurück

Ina Seidel
(Hervorhebung durch den Verfasser)

Die wichtigsten sind in Teil V aufgeführt.

Aus: Elsa Sophia von Kamphoevener, An Nachtfeuern der Karawan-Serail, Märchen und Geschichten alttürkischer Nomaden, Band 1

Mögliche Textarten:

[Die folgenden Kurzbeschreibungen erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind lediglich als Hilfestellung zu verstehen. Auch hier gilt, dass man über jede Gattungsart eine eigene umfangreiche Abhandlung schreiben könnte, die zudem noch immer wieder auf den neuesten Stand der Forschung gebracht werden müsste.]

Kurzgeschichte: Einstieg ohne längere Einleitung; kurze, einsträngige Handlung ohne Nebenhandlungen; kaum Ortswechsel; wenige Personen, die nicht näher charakterisiert werden und dem Alltag entnommen werden; kurze Zeitspanne; offener Schluss. Damit zeigt die Kurzgeschichte einen kleinen, mosaikartigen Ausschnitt aus einer Realität, die sich nicht mehr auktorial als ein überschaubares Ganzes darstellen lässt.

Fabel Eine lehrhafte Erzählung mit einer Moral, in der Tiere die Rolle von Menschen als gesellschaftsbedingten Wesen übernehmen. Damit enthalten Fabeln Handlungsmaximen für den Menschen in seinem sozialen Umfeld.

Kalendergeschichte kurze, meistens lehrhafte Erzählung, die aber gleichzeitig der Unterhaltung dienen soll (vgl. J.P. Hebel, P. Rosegger u.a.)

Anekdote: Eine kurze, wahre Begebenheit aus dem Leben eines - in der Regel bekannten - Menschen, die diesen, bzw. die menschliche Natur und Psyche allgemein charakterisiert. (vgl. Anekdoten von H.v.Kleist)

Parabel: lehrhafte Erzählung, die eine allgemeine, sittliche Wahrheit oder Erkenntnis durch einen analogen Vergleich aus einem anderen Vorstellungsbereich erhellt, dabei muss das Beispiel nicht - wie bei der Fabel - in allen Einzelheiten übereinstimmen. Im Gegensatz zum Gleichnis (so: wie) ist die Parabel eine eigenständige Erzählung (vgl. das ‘Gleichnis’, eigentlich die Parabel, vom ‘verlorenen Sohn).

Erzählperspektive:

Ich-Erzähler: In der Regel die Hauptperson, die das Geschehen aus ihrer Sicht erzählt. Alles, was sie über andere Personen wie auch über die eigene Handlungsmotivation erzählt, ist subjektiv, auch wenn es in der Geschichte als objektiv erscheint.
Auktorialer Erzähler: Allwissender, gottgleicher Erzähler, der das ganze Geschehen kennt und überblickt. Er kennt Gedanken und Handlungsmotive aller Personen und arrangiert das Geschehen bewusst.
Er-Erzähler: Das Geschehen wird aus der Sicht einer der beteiligten Personen (dies muss keine Hauptperson sein) geschildert. Das Geschehen damit zwar als objektiv geschildert, aber subjektiv gesehen.

Sprachebene/Stil:
Hochsprache, Umgangssprache, Nominalstil, Dialekt, Slang
und
Lexik: Wortwahl: Fremdwörter, termini technici, Komposita, Wortbereiche etc. -> Rückschluß auf Person(en), Situation, emotionale Verfassung

Mögliche sprachliche Besonderheiten:

Wortarten:
wird eine Wortart besonders häufig/gar nicht verwendet?
- Substantive, Gerundien, substantivierte Adjektive ->Nominalstil
- Adjektive (allgemein) -> anschaulich, farbig, lebendig; Steigerung (Positiv, Komparativ, Superlativ) -> Rangfolge, Vergleich
- Adjektive (deskriptiv) ( anschaulich, neutral; (evaluativ) ( wertend, beeinflussend, emotional
- Verben -> Bewegung, Ruhe; Emotionen, Spannung; (dynamische Verben - statische Verben, Verben der sinnlichen Wahrnehmung, der Gemütsbewegung ...)
- Konjunktionen/Subjunktionen - [s.a. Satzbau] -> Aufzählung, Steigerung, Spannung, Art der Satzverbindung (temporal, kausal, final, konsekutiv ...)
- Artikel (bestimmt/unbestimmt ( individuell, allgemein) Demonstrativ~/Possessivpronomina -> einschließen, abgrenzen, aus~
Satzbau:
- Parataxe -> überschaubar, leicht, schnell verständlich, klarer Gedankengang
- Hypotaxe -> schwerer verständlich, erhöhte Aufmerksamkeit,
- kurze, abgehackte Sätze -> Geschwindigkeit, Erregung
- lange Sätze -> Ruhe, Entspannung, Kontemplation
- Parallelkonstruktionen -> gleichförmig, zusammengehörig, kann aber auch Gegensatz unterstreichen -> Chiasmus
Grammatik:
- Gebrauch der Zeiten
- Aktiv/Passiv
- Indikativ/Konjunktiv, Imperativ, Appellativ
Bildbereiche:
- Bilder, Vergleiche, Metaphern, Symbole
- Bereiche -> Aussage über die Person(en)

Mögliche inhaltliche Besonderheiten

Ort des Geschehens:
- Wo findet das Geschehen statt? Beschreibung des Handlungsortes.
- Inwieweit ist der Handlungsort wichtig, charakteristisch, (un)typisch?
- Rückwirkung auf Handlung/Person(en)
Geschehen/Handlung:
- Was geschieht? Wie läuft die Handlung ab? Rückblicke, Vorausblicke?
- Aktives/passives Handeln? Rationales/irrationales/emotionales Handeln
- Rückschlüsse aus der Handlung
- Inwieweit ist das Geschehen charakteristisch/typisch für die Person(en)
- Psychologischer Hintergrund (Motivation)
- Verknüpfung Handlung + Ort
Personencharakteristik:
(Exempel und Individuum, Zeit-/Ortsgebundenheit und Allgemeingültigkeit)
- Eigenschaften
- Handlungen, Handlungsmotive:
- sprachliches Verhalten, Kommunikationsfähigkeit
- Zielsetzungen und deren Ursprung
- Interessen, Vorlieben, Abneigungen
- soziale Bindungen
- Eigenbestimmung, Fremdbestimmung
- Reaktionen anderer und deren Ursachen
- Reaktion auf andere und deren Ursachen
=> Der einzelne als Individuum, soziales und politisches Wesen
=> Der einzelne als Produkt
=> Eigensicht, Fremdsicht

Unter Lexik können wir die Wortwahl verstehen. Wörter haben zunächst eine oder mehrere Grundbedeutungen, daneben aber noch weitere Bedeutungen. Sie rufen bestimmte Assoziationen hervor. (Denotation/Konnotation) Sie lassen sich bestimmten Wortfeldern zuordnen. D.h. jedes Wort hat seinen eigenen ‘Charakter’ und seine eigene Geschichte.

Zitierweise:
Zitat in „...“, wörtliche Rede im Zitat in ‘...’, Auslassungen im Zitat durch [...] kennzeichnen.
Der Wortlaut des Zitats darf nicht verändert werden.
Nicht wörtlich übernommene Zitate in ‘...’.
Am Ende des Zitats Fundstelle (z.B. Zeilenangabe) in Klammern angeben.
Für die Zeilenangabe gilt: Z. 1, Z. 1-3, oder Z. 1f = Z. 1+2, Z. 1ff = Zeile 1 und folgende). Die Überschrift, der Titel zählen nicht als Zeile. Dasselbe gilt für Leerzeilen.

Story of initiation: Einführung in die Welt der Erwachsenen. Vgl. entsprechende Riten bei Indianern, Aborigenes usw. Geschichte, die einen entscheidenden Schritt vom Heranwachsenden zum Erwachsenen exemplarisch schildert. s.a. Hemingway: Indian Camp, A Day's Wait